Von Kampf-Faltern und bröselndem Papier

Von Kampf-Faltern und bröselndem Papier

29. Internationalen Origamitreffen

Beim 29. Internationalen Origamitreffen versammelten sich rund 240 begeisterte Anhänger der Papierfaltkunst Ende Mai 2017 in Bonn. Veranstaltet wurde das Treffen vom Verein Origami Deutschland e.V.,  dessen Vorsitzende Marlene Rostig, sich selbst als Kampf-Falterin bezeichnet. Zum Origami kam sie bereits Mitte der 80er Jahre, fasziniert von der Möglichkeit, auch ohne Klebstoffe dreidimensionale Modelle herstellen zu können – auch weil es damals in der DDR keinen guten Kleber gegeben hätte, wie sie augenzwinkernd versichert.

Eher zufällig hörte sie 1989 im Radio von der Gründung des Origami-Deutschland-Vereins, dem inzwischen etwa 700 Faltbegeisterte aller Altersklassen angehören. Jedes Jahr im Frühjahr treffen sich die Mitglieder zum internationalen Austausch und immer im Herbst finden in Deutschland regionale Treffen statt, je eines in Nord- und Mitteldeutschland sowie im Stuttgarter Raum.

Hans-Werner Guth, den ich auf der CREATIVA in Dortmund kennengelernt habe, war auch da. Seit 2010 werden Vereinsmitglieder jährlich zur CREATIVA eingeladen, um Interessierten einen ersten Einblick zu geben, was mit wenigen (oder manchmal auch mehreren) Faltungen aus einem meist quadratischen Blatt Papier so alles werden kann. Hier einige seiner Exponate:

Die Origami-Welt teilt sich dabei in Anwender, die vor allem anhand bestehender Anleitungen Modelle nachfaltet und Erfinder, die bestehendes weiterentwickeln oder neue Formen und Modelle entwickeln. So etwa der 17-jährige Bodo, der mit sechs Jahren mit dem Falten begann und schnell feststellte, dass sich aus bestimmten Papierfaltungen auch etwas anderes erschaffen ließe. Inzwischen erfindet er neue Modelle, in dem er sich zuerst die grundlegenden Fragen stellt: Wie viele Beine/Hörner/Fühler soll das Objekt haben und in welcher Proportion sollen diese zu Körper und Kopf stehen. Mit einem Vektor-Programm entwickelt er dann am PC die erforderlichen Faltungen. Heraus kommt dann etwa das Schwein mit Flügeln oder ein Känguru.

Wenn du glaubst, dass Falten nur etwas für ältere Damen sind, stimmt das nicht so ganz! Marlene Rostig berichtete mir, dass oft auch Jungs einfach so für sich falten und denken, sie sind der einzige, der so ein merkwürdiges Hobby hat. Dann aber plötzlich entdecken, dass sie nicht allein sind, sondern auf YouTube jede Menge Tutorials dazu zu finden sind. Auf der Flickr-Seite von Robin Scholz gibt es unzählige Möglichkeiten! Schaut mal rein! Und hier einige Impressionen vom Treffen:

Die 15-jährige Annalena hat bereits im Ferienhort erste Erfahrungen mit dem Papierfalten gemacht. Erst durch eine Freundin und ein Anleitungsbuch, das sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte, wurde ihr klar, was für Möglichkeiten Origami bietet. Auch sie hat erste eigene Modelle entwickelt und macht sich sogar ihr Faltpapier teilweise selber wie bei dem Nazgul. Sie greift aber auch auf Aquarell- und Packpapier zurück und manchmal auf Geschenkpapier – aber nur das, das nicht bröselt. Sie erklärte mir auch den Unterschied zwischen Trocken- und Nassfaltung und wie schwierig es ist, den Tiermodellen ein wirklich authentisches Aussehen zu verleihen.

Bei jedem Frühjahrstreffen des Origami-Vereins werden immer auch Workshops veranstaltet. Zum Teil werden diese von den Mitgliedern gegeben, aber auch immer von internationalen Ehrengästen wie etwa in diesem Jahr Krystyna Burczyk aus Polen:

Melina Hermsen aus Deutschland:

und Bernie Peyton aus den USA:

Bernie Peyton, der als Wildbiologe tätig ist und Tiermodelle entwickelt, faltet regelmäßig mit Kindern, die an Krebs erkrankt sind, um sie von der Krankheit abzulenken und sie aufzumuntern. In seinem Workshop schaffte selbst ich es (bisher habe ich noch nie gefaltet…) aus einem großen Blatt Papier (ca. 50 x 50 cm) einen beachtlichen Shark-Chapeau mit Zähnen, Augen und Nase zu produzieren! Ich war begeistert, wie du siehst… und dankbar, dass mein Nachbar-Falter Carl so geduldig mit mir war!

Nach all den Knicken und Falten hat die Gruppe auch noch stolz ihre Hüte präsentiert.

Falls du durch diesen Bericht neugierig geworden bist, ein guter Rat zum Schluss: Sage zu Origami-Faltern niemals das B-Wort – selbst Marlene Rostigs Kinder verweisen in Kindergarten und Schule darauf: Origami ist Falten und keinesfalls Basteln!

PS: Hier noch ein Tipp von Matthias von Faltlabor: Tolle Verpackung selbst gefaltet!

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