Warum du unbedingt anfangen solltest, deine eigene Kleidung zu nähen

Warum du unbedingt anfangen solltest, deine eigene Kleidung zu nähen

Nähanfänger*in, trau dich!

Wenn du Nähanfänger*in bist, kommt dir das Nähen von Kleidung vielleicht wie eine Reise zum Mond vor: Irrsinnig kompliziert und mit ungewissem Ausgang. Es gibt aber viele gute Gründe, warum du dich trotzdem unbedingt daran wagen solltest. Einige davon möchte ich dir heute schmackhaft machen.

Spaß

Der wichtigste Grund: Es fetzt einfach. So insgesamt. Zum Nähen gehört ja nicht nur die Zeit an der Nähmaschine, sondern auch das Browsen von Schnittmustern, das Entdecken von Schnittmusterlabels, die Inspiration dadurch, wie andere ein bestimmtes Stück genäht haben. Den Prozess gestalten, wie aus einem formlosen Stück Stoff ein fertiges Kleidungsstück wird. Das überlegen, welche Farben und Materialien dir zu einem bestimmten Schnitt gefallen würden, das stöbern in Online Shops und Stoffläden. Das alles macht einfach Spaß, und ich glaube ja sogar, dass dieses eintauchen in Farben und Muster und Ideen einen fast schon therapeutischen Effekt haben kann. So oder so ist nähen ein toller Ausgleich zum anstrengenden Alltag und macht schlicht und ergreifend Spaß. Vor allem, je mehr du dazu lernst. Und das bringt uns zum nächsten Punkt.

Skills

Es ist noch kein*e Meister*in vom Himmel gefallen: Nähen lernt man halt nur, indem man näht. Ganz sicher wirst du hierbei an Anfänger*innenfehlern nicht vorbeikommen und dich über so manchen unbrauchbar gemachten Meter Stoff ärgern. Aber das gehört alles dazu. Bleib dran, überwinde deinen Frust, schau dir zwei, drei Youtube-Tutorials an, frag eine nähende Freundin und probier es noch einmal. Deine Fähigkeiten an der Nähmaschine, aber auch deine Kenntnisse über verschiedene Stoffe, Techniken, Tricks und Hilfsmittel werden innerhalb kürzester Zeit explodieren. Kleidung nähen macht dich sehr schnell von dem/der blutigen Anfängeri*n zur/zum fortgeschrittenen Näher*in, denn jede Schwierigkeit, die sich dir stellt, wird zu einer weiteren Gelegenheit, etwas dazu zu lernen. Und wenn du dann richtig Feuer fängst, ist es bis zum/zur Hobbyschneider*in wirklich nicht mehr weit.

Dein eigener Stil

Mal ehrlich: Mit gekaufter Kleidung bist du halt immer nur so individuell, wie die gegenwärtige Mode und die Auswahl in den Shops deiner Wahl es zulassen. Es gibt viele, sehr viele Menschen, deren „persönlicher Stil” sich kaum voneinander unterscheiden lässt. Das ändert sich natürlich sofort, wenn du beginnst, deine Kleidung selbst zu nähen. Du entscheidest, welche Farbe und welches Muster dein Kleidungsstück haben soll, kannst aus unterschiedlichen Materialien wählen, Details hervorheben, Kontraste einbauen. Und mit der Steigerung deiner Fähigkeiten, die mit der Zeit ganz von selbst eintritt, kannst du  Varianten ausprobieren, einen Schnitt zum Kleid verlängern oder zum Shirt verkürzen, zwei Schnitte kombinieren, ein selbst ausgedachtes Extra hinzufügen, und, und und…

  

Hochwertige Kleidung

Keine industriell hergestellte Massenkleidung ist jemals so hochwertig, wie ein Kleidungsstück, dass du selbst hergestellt hast. Du kannst die Schnittmuster an deine Figur anpassen, verwendest hochwertigere Stoffe und in vielen Fällen auch eine hochwertigere Verarbeitungstechnik, so dass deine selbstgenähten Sachen besser sitzen und länger halten. Schon nach den ersten paar selbstgenähten Kleidungsstücken wirst du kaum noch nachvollziehen können, wie man für ein gekauftes Markenshirt 30 bis 60 € ausgeben kann, wenn du dir, oft für deutlich weniger Geld, etwas viel besseres selbst machen kannst – oder für das gleiche Geld etwas viel hochwertigeres. Der Gedanke, für ein Designerkleid mehrere hundert Euro auszugeben, das dann innen nicht mal gefüttert oder mit Schrägband versäubert ist, wird dir schon bald ziemlich absurd vorkommen…

Wertschätzung

Du kennst das vielleicht schon aus anderen Bereichen: Vielleicht hast du ein Haus gebaut, ein anspruchsvolles Kochrezept richtig lecker hinbekommen, oder auch nur ein paar Tomatenpflanzen dazu gebracht, Früchte zu tragen – was man selbst gemacht hat, darauf ist man stolz. Man sieht es mit anderen Augen, weil man weiß, wie viel Arbeit, Zeit und Mühe darin steckt. Und das ist auch der Grund, warum man möglichst lange was davon haben will, also passt man besonders gut darauf auf, hegt und pflegt es, und wenn es kaputt geht, repariert man es sorgfältig, anstatt es einfach wegzuwerfen und durch etwas neu gekauftes zu ersetzen. Das bringt uns zum nächsten Punkt:

Nachhaltigkeit

Reparieren statt wegwerfen ist ein wichtiger Aspekt bei selbstgenähter Kleidung. Man lernt nicht nur, wie viele unterschiedliche Techniken gibt, um Kleidung aus verschiedensten Materialien zu flicken. Es eröffnet wieder viele neue Möglichkeiten, aus einem Kleidungsstück einen ganz individuellen Schatz zu machen. In Japan ist das kunstvolle flicken von Kleidung seit Jahrhunderten eine etablierte Kulturtechnik – Sashiko lässt sich leicht erlernen und hat auch in seiner einfachsten Form eine tolle Wirkung. Oder schau mal, wie liebevoll Kinderkleidung bei Räubersachen geflickt wird! Gefällt dir ein Kleidungsstück nicht mehr, oder verändert sich deine Figur, kannst du es ändern. Aus einem Kleid einen Rock machen, ein Shirt enger nähen, eine Hose kürzen, einen defekten Reißverschluss ersetzen – die meisten Änderungen kannst du schon als fortgeschrittene*r Anfänger*in gut bewerkstelligen. Und wenn ein Kleidungsstück wirklich nicht mehr zu retten ist, kannst du es auseinandernehmen und Kinderkleidung oder zur Not Putzlappen draus machen.

Raus aus der Ausbeutungskette

Wir alle wissen das, aber die meisten von uns ignorieren es erfolgreich: Fast 100% aller Kleidungsstücke, die man in Kaufhäusern, Boutiquen und Online Shops kaufen kann, werden unter unwürdigen Bedingungen hergestellt von bettelarmen Menschen in Ländern wie Bangladesch oder Pakistan. Die meist indischen Baumwollbauern, die den Rohstoff für diese Kleidung produzieren, sterben nicht selten einen grausamen Tod durch die Folgen der hohen Pestizidbelastung. Das betrifft nicht nur Billigware für wenige Euros pro Kleidungsstück, sondern auch hochpreisige Markenware. Indem wir diese Kleidung kaufen, unterstützen wir die Ausbeutung an diesen Menschen. Wir verdrängen das gerne, aber wenn wir mal ehrlich zu uns selbst sind, kann das eigentlich niemand unterstützen wollen. Die Lösung könnte heißen: Nur noch unter fairen Bedingungen hergestellte Kleidung kaufen und/ oder selbst nähen – am besten natürlich mit ausbeutungsfreien Biostoffen, von denen es zum Glück immer mehr gibt.

Neue Freund*innen

Nähen ist ein hervorragendes Hobby, um neue Leute kennenzulernen – das gilt für das große Universum nähbegeisterter Menschen auf instagram, facebook oder in Blogs genau so, wie für Offline-Zusammenkünfte. Immer mal wieder einen Nähkurs zu besuchen, lohnt sich nicht nur, um deine Fähigkeiten zu verbessern. Hier triffst du Menschen, die ähnlich verrückt begeistert sind wie du, und deren Begeisterung dich anstecken wird. Und ruckzuck hast du deine kleine Nähclique zusammen, mit der du Stoffläden und Kreativmessen unsicher machst, zu denen du deine Nähmaschine in den vierten Stock schleppen wirst, um dort konspirative Nähnachmittage abzuhalten, wo du helfen kannst du dir geholfen wird und wo du viele neue Ideen und Inspirationen bekommst.

Na, konnte ich dich nun überzeugen, der Schneiderei eine Chance zu geben? Ich hoffe, du bist wenigstens neugierig darauf geworden – browse doch einfach mal auf instagram Hashtags wie #imakemyclothes, #handmadewardrobe, #nähenfetzt oder #memadeeveryday – ich kann mir nicht vorstellen, dass du keine Lust bekommst, deine eigene Kleidung zu nähen…

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